06.06.2007 Feuilleton - Seite 31 Dirk Pilz
Seit der Berliner Uraufführung 1930 ist dieses Musiktheaterstück heftig umstritten. Vor allem wegen des Textes von Bert Brecht. Er lässt in der "Maßnahme" vor einem "Kontrollchor" vier "Agitatoren" den Mord an einem jungen Genossen rechtfertigen. Nicht direkt, sondern in einem verfremdeten Spiel im Spiel. So werden Situationen nachgestellt, die jenes Verhalten des jungen Genossen rekonstruieren, das für die Agitatoren seinen Tod angeblich unausweichlich machte. Er wird von ihnen erschossen, die kommunistische Aufklärungsarbeit kann weitergehen.
Brecht wurde darauf die Vorwegnahme stalinistischer Ideologie unterstellt. Der Einwand ist jedoch nur triftig, wenn man von der Musik absieht, die Brecht und Hanns Eisler in intensivem Dialog entwickelt haben. Denn auf der Musik-Ebene wird gegen den Text Einspruch erhoben. Es gibt Verweise auf Bachs "Matthäuspassion" und an den zentralen Stellen Trauereinschübe oder Protestzwischentöne.
Was also ist "Die Maßnahme"? Kommunistisches Propagandamachwerk oder ein radikales Musik-Lehrstück? Die Diskussionen um die "Maßnahme" sind fast schon das Stück selbst geworden. Auch, weil es nicht gespielt werden durfte. Noch kurz vor seinem Tod hat Brecht ein Aufführungsverbot erlassen, an das sich die Eisler-Erben genauso hielten. Bis 1997, als am Berliner Ensemble Klaus Emmerich eine statuarisch strenge, aber vorsichtige Wiederaufführung inszenierte.
Und nun kam es im norwegischen Bergen während des Festivals "Nordiske Impulser" zu einer skandinavischen Erstaufführung der "Maßnahme", die den Debatten neuen, gehaltreichen Stoff liefert. Zunächst aus inhaltlichen Gründen: Die Inszenierung des jungen Regisseurs Tore Vagn Lid nimmt die "Maßnahme" als philosophische Musik-Parabel über die Frage, warum (zum Beispiel die kommunistischen) Ideale nicht der Realität standhalten können und auch nicht sollten. Ein streng musikdramaturgisch konzipierter Abend, der als kollektive Überprüfung dieser Ideale angelegt ist. Das Publikum sitzt in einem halbrunden Holzgestell, das Anhörgremium ist ins Publikum gemischt und in einen Doppelchor aufgeteilt, um die Dialektik der Vorlage zu betonen. Und das Existenzielle: Es gibt hier für niemand ein Entrinnen. Jeder ist in den dargestellten Fall verwickelt, selbst das im Rondell platzierte Orchester.
Diese Inszenierung entzieht sich jeder schlichten Positionierung, vor allem indem sie die Musik unter der Leitung des deutschen Dirigenten Eberhard Kloke gleichberechtigt neben den Text stellt. Es geht dieser "Maßnahme" damit nicht um ideologische Grabenkämpfe, sondern im Grunde um die letzte und erste aller Theater- und Revolutionsfragen: Wie kann die Bühne wirklichkeitsverändernde Kraft entwickeln? Jede Antwort darauf muss sich in brisante Widersprüche verwickeln. Es sind jene Widersprüche zwischen gutgemeinter Wirkabsicht und schlechten Folgen, die in Bergen mit der "Maßnahme" durchbuchstabiert wurden.